17.10.2016 - 09:06

Walt Disney dreht zum ersten Mal einen Film auf dem afrikanischen Kontinent. In "Queen of Katwe" wird die Geschichte einer Slumbewohnerin erzählt, die zum Schachwunderkind aufsteigt. Eine Rezension.

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von Jana Cattien

Dass Phiona Mutesis Geschichte Disney-Potenzial hat muss Regisseurin Mira Nair wohl schnell klar gewesen sein. Denn Stoff zum Träumen bietet der beeindruckende Werdegang der jungen Phiona allemal: als Halbwaise in Katwe – einem Slum bei Kampala – aufgewachsen, wo es den meisten Kindern an Grundversorgung und Bildungsmöglichkeiten fehlt, avancierte die 15jährige mit Hilfe ihres Mentors Robert Katende in nur wenigen Jahren zum Schachwunderkind Ugandas. 
Während der Trailer nur wenig Raum für das verspricht, was im toten Winkel eines Massenmedienkonzerns geschieht, das seine Zuschauer sonst vor allem mit Hochglanz-Harmonie füttert, gibt es im eigentlichen Film doch den einen oder anderen Happen schwerverträglicher Kost: der/die Zuschauer*in ist konfrontiert mit einer sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit, die für die Verlierer*innen nur Hohn, Verachtung und vor allem Gleichgültigkeit übrig hat; mit der eindimensionalen Darstellung der Slumbewohner*innen, mit der der Entwicklungshilfesektor auch hierzulande gerne wirbt; und nicht zuletzt auch mit dem grassierenden Sexismus, mit dem auch eine Schachmeisterin zu kämpfen hat. 
„Wenn in einigen Jahren die Männer hinter mir her sind, wo ist dann mein sicheres Quadrat?“, fragt  Nachwuchsdarstellerin Madina Nalwanga im Film ihren Schachtrainer und Mentor, und artikuliert so ihre Zweifel am individuellen Erfolg als Allheilmittel für strukturelle Probleme – eine durchaus radikale Botschaft in einem Film, der ansonsten hauptsächlich von der verbliebenen Anziehungskraft eines entkräfteten ‚American Dream‘ zehrt. So könnten die Motivationsfloskeln des Schachtrainers und wohlwollenden Unterstützers der Slumkinder von Katwe leicht einem amerikanischen Footballdrama entnommen sein – schließlich will man ja seinem Genre treu bleiben. Wenn schon die Amerikaner*innen nicht mehr daran glauben können, dass sie „alles schaffen können wenn sie nur an sich glauben“, dann sollen es eben stattdessen die größten Verlier*innen der ‚du bekommst was du verdienst‘ Ideologie tun. 
Doch es ist leicht zu sagen ‚Gib nie auf‘ wenn – wie im Falle Katendes – die Familie ein gesichertes Einkommen und ein stetes Dach über dem Kopf hat, und die Beschäftigung mit den Slumkindern im besten Fall existenzbereichernd ist und im schlimmsten reine Zeitverschwendung. Und so wird die Erwartungshaltung der Privilegierten, dass diejenigen die nichts haben und denen nichts gegeben wird, selbst dafür verantwortlich sind, ihre Träume auch unter widrigsten Bedingungen aufrechtzuerhalten, weiter genährt. 
Man muss sich daher auch zynisch fragen: Wieso hat Disney gerade diese Geschichte verfilmt – und nicht etwa die Geschichte eines ebenso talentierten und unterprivilegierten Mädchens, das nach mehreren Misserfolgen aufgegeben hat, oder – schlimmer noch – es gar nicht erst versucht hat? Die Antwort ist so simpel wie perfide: wenn Erfolg auch ohne Schulbildung und Grundversorgung möglich ist, dann lastet die Verantwortung für das eigene Leben mal wieder auf dem/der Einzelnen – und nicht beispielsweise auf der Regierung, der internationalen Gemeinschaft, den Geberländern oder gar den ehemaligen Kolonialherr*innen.
Die Einsicht, dass das Träumen auch Kosten und Risiken birgt, wird im Film eindrucksvoll verkörpert von Phionas Mutter. Oskar-Preisträgerin Lupita Nyong’o versteht es meisterinnenhaft, die Zuschauer*innen mit energischem Nachdruck daran zu erinnern, dass es zwar jedem*r freisteht, sich am Erfolg zu versuchen, frau mit Zweifeln und Misserfolgen allerdings oft allein gelassen wird. Doch einen Wermutstropfen gibt es auch hier: in ihrer Figur, die sich ihren Stolz und ihre Würde dadurch bewahrt, dass sie sich weigert, sich für regelmäßige Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf mit einem ‚Sugardaddy‘ einzulassen, schwingt auch eine leise Verurteilung mit – derjenigen, die sich eben anders entschieden haben oder sich anders entscheiden mussten. Es wird wohl sehr lange dauern, bis Disney auch ihre Geschichte verfilmt. 

Kinostart in Deutschland ist der 23. Februar 2017.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion von JournAfrica!.

 

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