19.10.2016 - 11:43

Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Illustratoren und Autoren aus Afrika, die afrikanische Superhelden auf den Markt bringen. Warum dies mehr bedeutet, als nur weitere Helden, die die Welt retten.

Von Fanny Kniestedt

 

Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Illustratoren und Autoren aus Afrika, die afrikanische Superhelden auf den Markt bringen. Warum dies mehr bedeutet, als nur weitere Helden, die die Welt retten.

Ein normaler Typ, der durch einen Kristall, dem ihn sein Vater hinterlassen hat, Superkräfte bekommt. Ein sehr mieser Bösewicht, eine alte Prophezeiung und die Rettung von Millionen von Menschen. Das ist ein kurzer Einblick in die Story „Jongo“, die erste Superhelden-Serie aus Afrika. 

 

 

Der Radiobeitrag „Afrikanische Superhelden“ (Erstausstrahlung Deutschlandradio Kultur am 9.Juni 2016) erklärt das Wichtigste. Doch eine Frage musste aus Platzgründen weg fallen, die ich als Afrika-Studierte mit am spannendsten fand: Die Investoren sind skeptisch, ob es genügend Konsumenten für afrikanische Helden gibt. Die Macher wollen „authentisch afrikanische“ Helden produzieren. Im Begriff „afrikanisch“ liegt viel Wertigkeit. Wieso ist das so? Und was  heißt denn letzlich „afrikanisch“?

Afrikawissenschaftlerin Rosemarie Beck sagt: die Frage, was „afrikanisch“ ist, ist vor allem ein Konstrukt des Westens.

„Es gibt natürlich diese vertiefte und lange koloniale Erfahrung und prä-koloniale Erfahrung und den Versuch, aus europäischer Perspektive Afrikaner umzuerziehen und zu formen, sodass sich für die Leute durchaus die Frage stellt, was ist denn überhaupt authentisch und was ist dann daran afrikanisch? „Afrikanizität“ ist eine Zuschreibung der Europäer für Afrika, die von Afrikaner übernommen wird. Aber letztendlich ist es auch keine andere Frage, die wir uns stellen, wenn neue Technologien aufkommen, beispielsweise Handy oder Internet. Da stellen wir uns auch die Frage, was verändert sich alles und was bleibt alles gleich. Wir stellen uns vielleicht nicht die Frage, ist es noch authentisch europäisch, das wäre nicht die Frage, die WIR uns stellen würden. Aber wir würden uns schon fragen: Wer sind wir noch? Da steckt die gleiche Frage drin. Nur, dass sie auf dem afrikanischen Kontinent aufgrund der kolonialen Erfahrung als „authentisch afrikanisch“ formuliert wird. Afrikanische Künstler haben das Bedürfnis diese Frage zu beantworten, weil sie genau in diesem Reflexionsprozess stecken, in dieser Frage von Hegemonie und Gegenkultur. Und da ist der Begriff des „Afrikanischen“ eigentlich sehr hilfreich, um diese Spannung zu diskutieren. Vielleicht kann man das so sagen: Der Begriff des „Afrikanischen“ ist eine Möglichkeit das Spannungsfeld zwischen hegemonialen und gegenhegemonialen Kulturen, Gesellschaften, Ideen aufzuspannen.“ 

Medienantropologe Francis Namyanga betont zudem die Möglichkeit der neue Technologien. Der Diskurs um hegemoniale und gegenhegemoniale Kulturen und Gesellschaften, wie Rosemarie Beck sagt, bleibt damit nicht nur ein Diskurs zwischen Afrika und dem Westen. Sondern marginalisierte Gesellschaften überall auf der Welt können so den Status Quo herausfordern. Das erklärt neben der längeren Tradition von schwarzen Comic-Helden in den USA, dass „Comic Republic“, einem nigerianischen Startup, das afrikanische Comic-Helden und ihre Geschichten kostenlos als pdf zum download anbietet, mit ihren Geschichten auch großen Anklang außerhalb Afrikas findet.

 

Wie die Macher  - Hegemonien und Ideen herausfordern

Damit stellt sich letztlich die eigentliche Frage: wie wird dieses Spannungsfeld diskutiert? Populäre Kultur, wie Medien und also auch Comics, bieten eine Plattform für diese Diskussion. Die Superhelden-Comics fordern auf mehreren Ebenen heraus:

Allein die Tatsache, dass der Superheld schwarz ist beziehungsweise aus Afrika kommt. Denn: Superhelden sind Vorbilder. Für die Macher war die Lücke an Vorbildern eine große Motivation, diese mit ihren eigenen Helden zu füllen. Adilifu Nama, Professor an der Loyola Marymount Univeristät, hat untersucht, wie bestimmte Stereotypen und Rollen in den Medien, also auch in Comics, repräsentiert werden. Wer darf Superheld werden, und wer nicht, ist die Frage. Wie beeinflussen soziale Veränderungen die mediale Repräsentation? Und wie kann dass zu einem veränderten gesellschaftlichen Bewusstsein führen?  („Super Black: American Pop Cultuer and Black Superheros“)

Das Setting: Metropolen. Das zeigt: ein Gegengewicht zum naturalistischen Afrika, ein sehr junges Afrika und ein technisiertes Afrika. Für Roye Okupes „EXO: The Legend of Wale Williams“ kommt sogar noch Afrofuturismus mit dazu, der bis dato sehr wenig Aufmerksamkeit bekam.

Die technische Qualität. Auch in der Umsetzung achten die Autoren darauf, dass gezeigt wird, dass es in Afrika hochwertige Technik gibt und Menschen mit Skills, trotz knappen Budgets.

 

Über die Selbstverständlichkeit, dass sich Mystik und Moderne nicht ausschließen.

Über Details afrikanischer Lebenswelten. Beispiel: Trailer zur Graphic Novel „Exo: The Legend of Wale Willams“ vom nigerianischen Autor Roye Okupe. So beschäftigt die Frau, die Wale aus dem fallenden Taxi rettet vor allem ihr „brasilian hair“, ihre wertvolle Frisur. Als kleiner Augenzwinker und Anspielung auf die enorme Wertigkeit, die in vielen afrikanischen Ländern auf Haare gelegt wird. Es ist ein Milliardengeschäft.

 

 

Ein Identitätskonzept außerhalb hegemonialer und westlicher Identitätszuschreibungen: Eines , das der kamerunische Philosoph Achille Mbembe mit gleichzeitiger Pluralität beschreibt, heißt: multipel, flexibel, fließend. Mbembe betont diese Fähigkeit als besondere Stärke afrikanischer Gesellschaften, vor allem in einer zunehmende globalen Welt. Die Helden repräsentieren diese Fähigkeit.

Letztlich ist das Ziel, sowohl von den Machern von „Jongo“, wie auch von Roye Okupe aus Nigeria mit seiner Graphic Novel von Wale Williams und den jungen Zeichnern von „Comic Republic“, dass ihre Geschichten weltweit Anklang finden. Ihre Helden sind letztlich ganz normale Typen, die jenen kosmopolitischen Hintergrund mitbringen, mit dem sich viele Altersgenossen, unabhängig ihrer Herkunft und Hautfarbe, identifizieren können.

„Through our stories, we inspire a movement that motivates people to believe they can influence change if they start from within. This is done using seven Nigerian superhero comics: Guardian Prime Avonome Eru Aje Ireti Vanguards and HeroGeneration  which are available online free.  They are African and with African stories but our dream will be when these heroes can be called just superheroes. It is not about where they are from but what they inspire and they can be an inspiration whether they are African or not. Our  comics are about human beings in general who just happen to be lack so we represent the human race in our strives and struggles.“ (Interview mit Jide Martin, CEO von Comic Republic, per E-Mail)

 

Erstveröffentlichung am 10. Juni 2016 auf miss-charmer.de 

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